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OKR scheitert nicht am Ziel – es scheitert daran, dass niemand weiß, wie er entscheiden soll, wenn der Plan auf die Realität trifft. OKTR löst das mit Key Tactics: Entscheidungsprinzipien statt Maßnahmenlisten. Aber auch OKTR greift nur, wenn das WER der Organisation geklärt ist. Die Umsetzungslücke ist fast immer eine Identitätslücke.
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Das OKTR-Framework löst Umsetzungsprobleme – aber nur, wenn Du weißt, wer die Strategie eigentlich umsetzt.
Die meisten Strategien scheitern nicht, weil das Ziel falsch war. Sie scheitern, weil die Organisation, die das Ziel erreichen soll, sich selbst nicht kennt. OKTR – eine Erweiterung des klassischen OKR-Modells um adaptive Key Tactics – ist ein wirksames Werkzeug genau für diesen Moment: wenn Klarheit über Ziele vorhanden ist, aber der Weg dorthin im operativen Alltag kollabiert.
Wo hört OKR auf zu helfen?
Du kennst das Phänomen. Strategiemeeting. Großes Ziel. Volle Zustimmung im Raum. Und drei Monate später: nichts bewegt sich. Nicht weil die Leute faul wären. Nicht weil das Ziel falsch war. Sondern weil niemand im Raum wirklich wusste, wer dort eigentlich handeln soll.
Umsetzungsprobleme sind fast immer Identitätsprobleme. Die Organisation weiß nicht präzise genug, was sie ist – also weiß sie auch nicht, wie sie handeln soll, wenn der Plan auf die Realität trifft. Das Zwischen – der lähmende Schwebezustand zwischen Erkennen und Handeln, beginnt nicht im Operativen. Es beginnt im Unklaren.
Was macht OKR richtig und warum reicht das nicht?
Das klassische OKR-Modell (Objectives & Key Results) liefert, was es verspricht: ein klares Ziel, ein messbares Ergebnis, eine saubere Struktur. Das ist keine Schwäche – das ist die Stärke des Modells. Wer weiß, wohin er will und woran er merkt, dass er angekommen ist, hat das Wichtigste.
Aber OKR löst ein Problem nicht: Es sagt Dir nicht, wie Du entscheidest, wenn die Realität querläuft. Und sie läuft immer quer. Der Markt verändert sich. Ein Schlüsselkunde springt ab. Das Team, das den Plan unterschrieben hat, denkt drei Monate später anders.
Hier entstehen die Symptome, die jeder kennt:
- Ziele existieren auf Papier, aber nicht im Alltag
- Teams handeln nach Erfahrung statt nach Absicht
- Führungskräfte korrigieren statt zu vertrauen
- Das Vertrauen in strategische Prozesse bröckelt leise
Warum entscheidet ein gutes Ziel allein noch nichts?
OKTR erweitert das OKR-Prinzip um eine entscheidende Dimension: Key Tactics. Nicht als Maßnahmenliste, das wäre nur mehr vom Gleichen. Sondern als Entscheidungsprinzipien, die das Team befähigen, in jedem Moment das Richtige zu tun, ohne auf Genehmigung zu warten.
Die vier Dimensionen:
- Objectives: Das klare Zielbild. Keine Kompromissformulierung, sondern eine Aussage, die auch morgen noch wahr ist.
- Key Tactics: Adaptive Prinzipien, keine To-do-Listen. Sie beantworten die Frage: Woran erkennst Du, dass Du gerade richtig handelst?
- Results: Messbares, das nicht lügt. Keine Vanity-Metriken.
- Review & Adaptation: Der Rhythmus, der verhindert, dass Taktiken zur Routine erstarren.
Der Unterschied zwischen Key Results und Key Tactics ist folgender: Results messen den Ankerpunkt. Tactics steuern das Schiff auf dem Weg dorthin.
Wie sehen Key Tactics in der Praxis aus?
Stell Dir vor, Du willst als regionaler IT-Dienstleister der erste Ansprechpartner für Cloud-Transformation sein.
Objective: Führende Wahrnehmung als Cloud-Transformationspartner im Mittelstand der Region.
Key Tactics:
- Wir entscheiden uns immer für schnelles Feedback über perfekte Lieferung
- Wir holen Kunden in den Prozess, bevor das Ergebnis steht – nicht danach
- Wir überprüfen jede Woche eine taktische Annahme, nicht nur Ergebnisse
Results:
- Projektlaufzeiten um 40% reduziert
- NPS über 60
- Drei Referenzkunden bereit für öffentliche Fallstudien
Siehst Du den Unterschied? Die Tactics geben dem Team einen Kompass, keine Checkliste. Sie sind Prinzipien, nach denen eigenständig gehandelt werden kann – auch wenn der Plan auf die Realität trifft.
Warum scheitert OKTR ohne Identitätsarbeit?
Hier ist die Wahrheit, die kein Framework-Artikel gerne schreibt: OKTR kann sein Potenzial nur entfalten, wenn das WER vor dem WAS steht.
Key Tactics sind nur dann wirklich adaptiv, wenn das Team ein geteiltes Verständnis davon hat, wer die Organisation ist und wofür sie steht. Ohne dieses Fundament werden aus Taktiken wieder Maßnahmen. Aus Prinzipien wieder Anweisungen.
Die tiefere Frage hinter jedem Umsetzungsproblem lautet: Sind unsere Ziele ein Ausdruck davon, wer wir wirklich sind – oder ein Ausdruck davon, wer wir sein wollen, ohne zu wissen, wer wir schon sind?
Das ist keine philosophische Spielerei. Das ist die Wurzel, an der jede Strategie entweder greift oder versandet. Wer diese Frage noch nicht beantwortet hat, findet den Einstieg im strategischen KERN.
Wie führt man OKTR konkret ein?
Taktische Rückschau: Bevor Du Key Tactics formulierst, schaue zurück. In welchen Momenten hat Dein Team bereits so gehandelt, wie Du es Dir wünschst? Diese Momente sind keine Zufälle – sie sind Deine bereits gelebten Taktiken, noch unbenannt.
Taktischer Dialog: Etabliere ein wöchentliches 30-Minuten-Format, das nicht fragt "Haben wir die Zahlen erreicht?", sondern "Haben wir so entschieden, wie wir entscheiden wollen?" Der Unterschied ist erheblich.
Taktische Autorität: Verlagere Entscheidungskompetenz konsequent dorthin, wo die unmittelbare Erfahrung sitzt. Das ist keine Führungsschwäche. Das ist das Vertrauen, das Transformation erst möglich macht.
Fazit
OKTR ist kein Upgrade von OKR. Es ist eine andere Frage: Nicht nur was wollen wir erreichen, sondern wie wollen wir auf dem Weg dorthin entscheiden?
Wer diese Frage ernst nimmt, merkt schnell: Die eigentliche Arbeit liegt nicht im Framework. Sie liegt in der Klarheit darüber, wer die Organisation ist, die dieses Framework mit Leben füllen soll.
Die Umsetzungslücke ist fast immer eine Identitätslücke.
Wo kollabieren bei Dir gerade Taktiken in den Alltag – und was sagt Dir das über die Klarheit Eurer Identität?
Häufig gestellte Fragen
Was ist das OKTR-Framework?
OKTR ist eine Erweiterung des klassischen OKR-Modells um adaptive Key Tactics. Während OKR Ziele und Ergebnisse definiert, liefern Key Tactics die Entscheidungsprinzipien für den Weg dorthin – keine Maßnahmenlisten, sondern Handlungsprinzipien, die Teams eigenständig befähigen.
Was ist der Unterschied zwischen Key Results und Key Tactics?
Key Results messen, ob ein Ziel erreicht wurde. Key Tactics steuern, wie das Team auf dem Weg dorthin entscheidet – besonders wenn die Realität vom Plan abweicht. Results sind der Ankerpunkt, Tactics der Kompass.
Warum scheitern OKRs in der Umsetzung?
OKRs scheitern meist nicht am Ziel, sondern an fehlender Entscheidungsklarheit im Alltag. Wenn Organisationen nicht wissen, wer sie sind und wofür sie stehen, kollabieren selbst gute Ziele im operativen Betrieb. Die Umsetzungslücke ist fast immer eine Identitätslücke.
Wie führt man OKTR ein?
In drei Schritten: Erstens eine taktische Rückschau – bereits gelebte Handlungsprinzipien benennen. Zweitens einen wöchentlichen taktischen Dialog etablieren, der Entscheidungsqualität bewertet, nicht nur Zahlen. Drittens Entscheidungskompetenz dorthin verlagern, wo die unmittelbare Erfahrung sitzt.
Warum scheitert OKTR ohne Identitätsarbeit?
Key Tactics funktionieren nur, wenn das Team ein geteiltes Verständnis davon hat, wer die Organisation ist. Ohne dieses Fundament werden adaptive Prinzipien wieder zu starren Anweisungen. Das WER muss vor dem WAS geklärt sein.
Doerr, J. (2018). Measure What Matters. The Simple Idea that Drives 10x Growth. Portfolio Penguin.
Niven, P. R. & Lamorte, B. (2016). Objectives and Key Results: Driving Focus, Alignment, and Engagement with OKRs. Hoboken, NJ: Wiley.
McChrystal, S., Collins, T., Silverman, D. & Fussell, C. (2015). Team of Teams: New Rules of Engagement for a Complex World. New York: Portfolio.
Laloux, F. (2015). Reinventing Organizations: Ein Leitfaden zur Gestaltung sinnstiftender Formen der Zusammenarbeit. München: Vahlen.
Über den Autor

Constantin Melchers
Gründer von tantin Consulting – einem Think & Do Tank für strategische Selbstüberwindung.
Strategie beginnt für ihn nicht mit Antworten, sondern mit der richtigen Frage.
Sein Prinzip: anders statt besser.
Mit Wurzeln in der Philosophie und einem Blick fürs Wesentliche, begleitet er Organisationen durch Wandel – als Komplize, nicht als Berater.




